Kulik, Jakob Philipp (1.5.1793-28.2.1863)

Kulik, geboren in Lemberg (heute Lviv), Galizien, wurde bereits mit 21 Jahren zum Prof. der Mathematik am Lyzeum in Olmütz ernannt. 1816 Prof. der Physik und Astronomie am Lyzeum in Graz. 1822 erhielt er den Doktortitel und wurde im nächsten Jahr 1823 zum Rektor gewählt. 1826 wurde er Prof. der höheren Mathematik in Prag, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er leitete die Bibliothek der k. böhm. Ges. der Wissenschaften und fertigte einen Katalog ihrer Bestände bis 1835 an.

Kulik gehörte einer Mathematiker-Generation an, die eher für das achtzehnte Jahrhundert charakteristisch war, welche sich nämlich nicht allzusehr um die Grundlagen ihrer Arbeit kümmerte, da sich in diesem Jahrhundert des Experimentierens ja „Ergebnisse in verschwenderischer Fülle einstellten“ (Struik, Dirk J.: Abriß der Geschichte der Mathematik, Berlin, 1967, S. 174) – „allez en avant, et la foi vous viendra“ (Geht vorwärts, der Glaube wird sich schon einstellen), soll d‘Alembert gesagt haben.

Kulik erstellte umfangreiche Faktortafeln und begründete ein Verfahren, rationale Wurzeln mit Hilfe von Faktorentafeln zu bestimmen. An diesen arbeitete er unermüdlich bis zu seinem Lebensende. Er schreibt: „Ich besitze ein Manuskript, welches die Fortsetzung der Burckard‘schen Tafel von drei Millionen an bis 100 Millionen auf 4.212 eng beschriebenen Folioseiten enthält“. Seine Manuskripte (8. Bde) liegen noch nie eingesehen im Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien (Mitteilung von Frau Dr. Christa Binder, Wien).

Jakob Kulik und Christian Doppler

An der Versammlung der mathematischen Section am 5. November 1840, an der Christian Doppler erstmals als außerordentliches Mitglied der Akademie teilnimmt, las Kulik als Geschäftsleiter einen Aufsatz über einen neuen analytischen Beweis des Satzes vom Parallelogramme der Kräfte vor. Darauf machte Christian Doppler in der nächsten Versammlung am 3. Dezember 1840 über den Aufsatz kritische Bemerkungen. So sagt er u.a., „Dass wenn die Summe der Quadrate einer Funktion zweier Winkel, die sich zu einem Rechten ergänzen, gleich Eins sei, daraus nicht folge, dass diese Funktion der Kosinus des Winkels sei, indem mehrere Funktionen mit dieser Eigenschaft sich angeben lassen, die vom Kosinus wesentlich verschieden sind.“ Kulik entgegnete, „Ref. hätte die einem kurzen Aufsatze vorgestreckten Grenzen überschritten, wenn er sich länger bei diesem Satze hätte aufhalten wollen, um wie Littrow irgendwo anführt, in den Fehler mancher neueren Mathematiker zu gerathen, welche „vor lauter Begründung der Sache nicht zur Sache selbst kommen können“.

Bolzano, der davon erfährt, kommt Doppler zu Hilfe, indem er in einer inhaltsreichen Arbeit ausführt, dass man sich durchaus länger bei den Begründungen aufhalten könne. „Wer sich mit der bloßen Gewissheit, dass etwas ist, begnügt, und nach dem objektiven Grunde, warum es ist, nicht frägt, für den ist freilich das wissenschaftliche Bedürfnis noch gar nicht erwacht“.

Gegen den Widerstand von Kulik wird Bolzano die Aufnahme des ersten Aufsatzes von Doppler 1841 in Prag in die Schriften der k. Böhm. Akademie durchsetzen. Sie führt den langen Titel: „Versuch einer analytischen Behandlung beliebig begrenzter und zusammengesetzter Linien, Flächen und Körper nebst einer Anwendung davon auf verschiedene Probleme der Geometrie descriptive und perspective“ und hat den Zweck, die bisherigen Grundlehren der analytischen Geometrie „zu verallgemeinern“.

Auch über die Monographie Dopplers 1843 mit dem Titel: „Versuch einer Erweiterung der analytischen Geometrie auf Grundlage eines neu einzuführenden Algorithmus“ wird Kulik als Geschäftsleiter der Gesellschaft ein ablehnendes Gutachten abgeben. Dennoch wird durch Befürwortungen von Bolzano und Kreil dann der Abdruck in den Abhandl. d. k. Böhm. Ges. d. Wissenschaften V. Folge, 2. Band, S. 533-700, in Prag 1843 erfolgen.

Dr. Peter Maria Schuster, 2017